Warum Loyalty-Programme an der Kasse scheitern – und worauf es bei der Konzeption wirklich ankommt 

Photo of Kai Uwe Jurgens with Christian Bauer
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Mai 22, 2026

Viele Loyalty-Programme scheitern nicht an der Technik, sondern an der Konzeption, genauer: an dem Moment, in dem der Kunde das Programm tatsächlich nutzen soll.

In der ersten Folge des Podcasts „The Loyalty Mindset“ spricht Kai-Uwe Jürgens mit Christian Bauer, der über 25 Jahre Erfahrung im FMCG- und QSR-Umfeld mitbringt als Marketing Director bei Bonduelle, Burger King und Subway sowie als Initiator der Payback-Einführung bei Burger King. Im Zentrum steht eine Beobachtung aus der Praxis: Wer Loyalty als rein technisches Projekt versteht, verschenkt einen Großteil seines Potenzials, bevor das Programm live geht.

Sechs Erkenntnisse aus dem Gespräch, die für Marketing- und Vertriebsverantwortliche relevant sind.

1. Der Moment der Nutzung entscheidet

Ein typisches Szenario im Handel verdeutlicht das Grundproblem: Ein Kunde steht an der Kasse, hinter ihm bildet sich eine Schlange, der Bezahlvorgang soll zügig ablaufen. Verlangt das Loyalty-Programm in diesem Moment ein Login mit E-Mail-Adresse und Passwort, wird es häufig gar nicht erst genutzt.

Entscheidend ist hier nicht die technische Qualität der Lösung, sondern ihre Anwendbarkeit im realen Nutzungskontext. Programme, die in der Konzernzentrale entwickelt werden, berücksichtigen diesen Moment der Wahrheit am Point of Sale oft nur unzureichend.

Christian Bauer nennt als Gegenbeispiel eine Drogeriekette, deren App ohne Login funktioniert: QR-Code im Wallet, ein Scan, ein klar kommunizierter Vorteil. Niedrige Nutzungshürde, unmittelbar erkennbarer Wert.

2. Outside-In schlägt Inside-Out

Ein wiederkehrendes Muster: Die Entscheidung für ein Loyalty-Programm fällt auf Führungsebene, ein internationales Team entwickelt eine zentrale Plattform, lokale Märkte werden unter Zeitdruck eingebunden. Das Ergebnis ist häufig eine Lösung, die zentrale Fragen offenlässt etwa, welche Bezahlmethoden im jeweiligen Markt relevant sind oder wie die Wettbewerbssituation vor Ort aussieht.

Die Folgen sind messbar: hohe Investitionen bei gleichzeitig niedrigen Aktivierungs- und Nutzungsraten. Der entscheidende Faktor ist dabei selten das Budget, sondern die Perspektive die konsequente Ausrichtung am Kunden statt an den internen Möglichkeiten des Unternehmens.

3. Erlebnis oder Rabatt: eine Frage des Geschäftsmodells

Ob erlebnisorientierte oder rabattbasierte Mechaniken besser funktionieren, lässt sich nicht pauschal beantworten. In Bereichen wie Premium-Telekommunikation, Luftverkehr oder exklusiven Markenwelten entfalten Experience-Rewards ihre Wirkung, weil Status und emotionale Erlebnisse Teil des Wertversprechens sind.

Im Lebensmittel-Einzelhandel gelten andere Bedingungen. Für preissensible Zielgruppen ist ein unmittelbar verständlicher und einlösbarer Vorteil, etwa ein direkter Rabatt, oft relevanter als ein abstraktes Punktesystem. Christian Bauer fasst es im Bild zusammen: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“
Die zentrale Erkenntnis: Eine universell beste Mechanik existiert nicht. Entscheidend ist die Passung zwischen Mechanik und der Lebenswirklichkeit der jeweiligen Zielgruppe.

4. Die Lebenswirklichkeit der Zielgruppe als Ausgangspunkt

Ein Loyalty-Programm, das ohne ein fundiertes Verständnis der Zielgruppe entwickelt wird, verfehlt seinen Zweck. Christian Bauer illustriert dies am Beispiel einer berufstätigen Mutter mit wenig Zeit und begrenztem Budget, für die im Alltag pragmatische, schnell umsetzbare Lösungen zählen, nicht zusätzliche Komplexität.

An diesem Punkt entscheidet sich auch, welche Mechanik der Kunde überhaupt akzeptiert: der unmittelbar spürbare Rabatt oder das längerfristig angelegte Punktesystem.
Wird dieses Spannungsfeld in der Loyalty-Strategie nicht berücksichtigt, bleibt auch der Einsatz aufwendiger Personalisierungstechnologie wirkungslos.

5. Die Marktrealität als Voraussetzung für Veränderung

Auch etablierte Programme zeigen, dass digitale Reichweite allein nicht genügt. Ein führender Anbieter im deutschen QSR-Markt betreibt eine der erfolgreichsten Loyalty-Apps seiner Kategorie und setzt dennoch weiterhin auf gedruckte Coupons und klassische Werbung in TV und Radio.

Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, folgt einer klaren Logik: Ein großer Teil der Zielgruppe erwartet einen greifbaren, sofort einsetzbaren Vorteil. Eine nachhaltige Transformation, etwa die schrittweise Ablösung des Coupon-Modells, setzt voraus, diese Marktrealität zunächst anzuerkennen, statt sie zu übergehen.

6. Komplexität gezielt einsetzen

Eine zentrale Aussage des Gesprächs lautet sinngemäß: Es kann sinnvoll sein, bewusst in Komplexität zu investieren, um Insights und Bedürfnisstrukturen abbilden zu können.

Das steht nur scheinbar im Widerspruch zum Prinzip der Einfachheit. Als Beispiel dient ein Handelsunternehmen, das zwei getrennte Loyalty-Programme betreibt, eines für Discount-, eines für Premium-Kunden. Der höhere Aufwand rechtfertigt sich dadurch, dass beide Zielgruppen auf unterschiedliche Anreize reagieren. Eine konsolidierte Lösung wäre kostengünstiger gewesen, hätte aber an Wirkung verloren.
Der Grundsatz: Komplexität gehört in die Konzeption, damit das Ergebnis für den Kunden einfach bleibt.

Fazit

Christian Bauer fasst das Gespräch in einem Leitgedanken zusammen: Einfachheit in der Anwendung, kombiniert mit einem echten Verständnis für die Bedürfnisse des Kunden.

Alle behandelten Aspekte: Inside-Out vs. Outside-In, Rabatt vs. Experience, der gezielte Einsatz von Komplexität, verweisen auf denselben Bezugspunkt: den konkreten Moment der Nutzung. Programme, die diesen Moment konsequent in den Mittelpunkt stellen, schaffen tatsächliche Kundenbindung.

Die vollständige Folge ist verfügbar bei The Loyalty Mindset auf Spotify, Apple Podcasts und Amazon Music.

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